Wilfriede Schwerm-Hahne
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update    03/2003                           webmaster B+R Schwab

Windhundgeschichte aus erster Hand
Interview von Olaf Knauber  -  Ende 1998 

Wie hat alles angefangen, und wie ist Wilfriede Schwerm-Hahne eigentlich "auf den Hund“ gekommen?

Meine Eltern hatten immer einen Schäferhund - und man kann sagen, dass ich als Kind schon fast "Hunde-fanatisch" war.  Mein erster eigener Hund war dann eine Dobermann-Hündin; wahrscheinlich haben mich da schon die etwas windhundartigen Linien fasziniert.  Leider wurde sie sehr früh überfahren
Seit meiner Jugend habe ich immer schon sehr viel gelesen, und in dieser Zeit war die Literatur von Konrad Lorenz und später von Erik Zimen ziemlich "angesagt".  Konrad Lorenz hatte ganz liebevoll die asiatischen Windhundrassen beschrieben, weil er noch immer davon ausging, daß es lupus-blütige und aureus-blütige Hunde gab, was er ja später widerrufen hat und seinem Schüler Erik Zimen, der den Beweis hierzu antrat, in dessen Werk noch das Vorwort schrieb... - Aufgrund dieser Literatur haben mich Chow Chows oder Chow-/Schäferhund-Mischlinge sehr interessiert, woraufhin ich zu einer CACIB-Ausstellung in Hannover gegangen bin, um Chow Chows einmal aus der Nähe zu sehen. - Das war 1967. Auf dieser Zuchtschau bin ich an einem Ausstellungsring vorbei gekommen, in dem gerade Afghanische Windhunde präsentiert und in diesem Augenblick in der Bewegung gezeigt wurden. - Ich bin fassungslos stehen geblieben: so etwas schönes hatte ich noch nie gesehen und war fortan von dieser Rasse fasziniert.  Ein Jahr später bekam ich dann meinen ersten Afghanischen Windhund, den ich noch unter Herrn Jüngeling ausgestellt hatte.  Das war "Dsungar" aus dem D-Wurf "von Katwiga", Züchter Erika Rödde.  Dies war der Beginn einer bis heute bestehenden Freundschaft zu Familie Rödde.


-  Cizfaha von Katwiga -
UICL-Champion für Schönheit und Leistung 1974

Wie ist diese große Begeisterung gerade für Windhunde zu erklären?
Mich haben immer schon arabische Pferde interessiert, und obwohl ich nicht von den Pferden komme, war ich fasziniert, wenn ich einen Araber in Bewegung gesehen habe. - Eigentlich fast schon zum Entsetzen von Leuten, die mit Araber-Pferden nicht so viel anfangen können, weil sie sich für Turniersport nicht unbedingt so gut eignen.
Und ähnlich ging es mir mit den Afghanen: mich hat die Bewegung dieser Hunde einfach in den Bann gezogen.

Und wann genau kam es zu dem Entschluss, Zuchtrichter zu werden?
Exakt zehn Jahre später; im Januar 1978 habe ich meine Ernennung zum Spezialrichter für Afghanische Windhunde bekommen, und ein Jahr darauf für Salukis.  Im Folgenden habe ich meine Spezialrichter-Prüfung für Irish Wolfhounds und Deerhounds absolviert und wurde dann später Gruppenrichter für die gesamte FCI-Gruppe 10.

Welche Hunde hatten Sie im einzelnen bis heute schon im Besitz?

Wie gesagt war meine erste Afghanen-Hündin aus dem D-Wurf "von Katwiga" - (Vater: Xingu van de Oranje Manege), eine Hündin, die Kenner und Liebhaber des Oranje Manege-Typs begeistern konnte.
Ein Jahr später habe ich dann "Cizfaha von Katwiga", sozusagen als "second-hand Hund" übernommen, weil deren Erstbesitzer konkrete Pläne hatten, auszuwandern.  Diese Hündin wurde dann in meinem Besitz UICL Champion für Schönheit und Leistung.
Danach fielen bei mir drei Würfe, wobei ich zwei Würfe aufgezogen habe, da die Welpen eines Wurfes nach Kaiserschnitt tot zur Welt kamen.  In der Zwischenzeit habe ich den berühmten "Haboob von Katwiga" gehabt, der in der Afghanenszene auch international sehr bekannt ist: Er war der erste deutsche Afghane, der das Holländische Championat errang, er wurde Weitsieger, zweimal Bundessieger, zweimal Verbandssieger und war insgesamt fünffacher Champion. Für mich ist sein Foto immer noch eines der besten Afghanen-Fotos, die es gibt, und das in vielen Ländern, bis hin nach USA publiziert wurde. 
Bo Bengtson und Espen Engh haben ihn gesehen und Espen Engh hat einmal geschrieben: "He makes me feel really small and humble, because of his proudly and kingly attitude..."
Danach habe ich meine Hündin "Cizfaha" für einen Wurf in den Zwinger Katwiga gegeben, aus dem der J-Wurf mit "Jativa von Katwiga" hervorging, die erste Black and tan-Hündin dieses Zwingers.  Danach bekam ich aus dem 0-Wurf von Katwiga, - Ophir dürfte bekannt sein -, dessen Schwester "Orija von Katwiga".
Von 1973 bis 1978 wohnte ich in Kettwig und während dieser Zeit habe ich auch am Zuchtprogramm "von Katwiga" mitgearbeitet sowie für den Zwinger ausgestellt.  Zurück in Hannover folgte ein Saluki aus dem Zwinger "Mum tachir ar rih", Züchter Frau Hessing.  Schon damals habe ich deren Hunde ausgestellt bei Richtern wie Terry Thorn u.a.  Frau Hessings Hunde waren immer placiert; sie hatte sehr viele Importe, allesamt phantastische Hunde... Ich habe Würfe dort zur Welt gebracht, und noch heute gibt es ja einige Nachfahren dieses Zwingers, die auch speziell in Schönheit und Leistung sehr erfolgreich sind. - Mein Saluki ist im übrigen 15 Jahre alt geworden.  Er hat drei CAC's bekommen, dann habe ich ihn aber zurückgezogen, weil ich dachte, er war nicht würdig, Champion zu sein.  Er war ein wunderbarer Hund vom Typ, aber er hatte einen zu großen Abstand zwischen den Schulterblättern, und das konnte man in der Bewegung der Vorhand sehen. - Darum wollte ich nicht, daß er Champion wird.
1978 kam "Kyros von Katwiga" zu mir, und wurde sehr schnell erfolgreich.  Als er 1981 in den Zwinger Katwiga zurückkehrte war er bereits Bundesjugendsieger, Weltjugendsieger BOB und BIS, Gewinner der Han-Jüngeling-Trophäe und hatte bereits CAC's sowie CACIB's gewonnen.
1986 habe ich wieder einen Afghanen-Welpen aus dem Zwinger "Katwiga" übernommen-, und zwar "lsaak von Katwiga" - ebenfalls mehrfacher Champion, der sich im übrigen auch als hervorragender Vererber erwiesen hat.  So konnte er im vergangenen Jahr den großen Nachzuchtgruppenwettbewerb gewinnen ... Kurz darauf starb er an Knochenkrebs.
Aus dem U-Wurf von Katwiga habe ich z. Zt.  "Uraz von Katwiga", der Landessieger und Deutscher Champion ist, Ein Hund mit sehr gutem Gangwerk, der aber für heutige Verhältnisse in der Siegerklasse offensichtlich wohl nicht mehr groß genug ist. - Obwohl er mit 71 Zentimetern durchaus ein Standardmaß hat!  Aber es ist ja leider nicht nur bei den Afghanischen Windhunden so eine Geschichte, daß man immer nach größeren Hunden guckt. - Ob es aber erstrebenswert ist, daß die Größe über das Standardmaß hinaus geht, halte ich hingegen für fraglich.
Tja, und dann wollte ich keine Afghanen mehr haben.  Mir wurde "das mit der Pflege" zu aufwendig, zumal meine Afghanen jeden Tag frei laufen, sich dreckig machen, schwimmen, Kaninchen jagen mit unserem Jack Russel Terrier.  Dornen, Kletten und ähnliches im Fell sind oft das Ergebnis.  Ich wollte diese Arbeit mit dem Haarkleid einfach nicht leisten, habe mich dann aber vor 3 Jahren noch einmal in einen Welpen verliebt.  Ich hatte nicht vorbestellt, habe diesen Welpen gesehen und mein Herz hat gesprochen - und den habe ich dann mitgenommen.  Und wie man weiß, ist das "Yaboon von Katwiga“ der ja nun mittlerweile auch außerordentlich erfolgreich ist.  Zur Zeit habe ich somit zwei Afghanen-Rüden, "Uraz" und "Yaboon von Katwiga“ sowie einen 14-jährigen Jack Russel.


aus eigener Zucht  "Cizfaha's Amun-Ra


"Haboob von Katwiga"

Was war in Ihrem Fall ausschlaggebender Beweggrund für die Entscheidung Zuchtrichter zu werden?
Ich glaube, es war der Beweggrund, den sehr viele haben: Man will es besser machen. - Und: "No politics in sports!"

Eine sehr kurze und prägnante
Antwort! - Was sollte dann Ihrer Meinung nach die wichtigste Aufgabe eines Zuchtrichters in einem Verband, wie dem DWZRV sein?
Die Zuchtrichter sind neben den Züchtern die tragenden Säulen unseres Verbandes - und der Zucht allgemein. Wenn man als Zuchtrichter in einer Rasse irgendeine Entwicklung sieht, das können Übertypisierungen sein, das können Fehler sein, die sich einschleichen, dann muß man "darauf hin richten".  Man muß das auch in der Begründung so erklären, um aufmerksam zu machen, daß der eine oder andere Fehler in einer Rasse sichtbar wird.  Ich glaube, das ist die wichtigste Aufgabe...

Was wäre in diesem Zusammenhang, aus Ihrer Sicht als langjährige Richterin und Richtervertrauensfrau des DWZRV, verbandsintern in Bezug auf Zucht und sich entwickelnder Tendenzen im Zucht- und Zuchtschaubereich zu sagen?
Also zum einen fällt mir die unglaubliche Erhöhung der Zuchtschauen der letzten Jahre auf, die ich persönlich nicht gut finde. wir haben einfach zu viele Ausstellungen.  Zumal das Res CAC immer noch übergeht und ich denke, wir haben dadurch eine Flut von Champions bekommen - wenn wir die nicht schon haben...
Zum zweiten sehe ich einen übertriebenen Ehrgeiz.  Aber vielleicht sieht man auch in der Vergangenheit alles, wie alle älteren Leute, immer etwas verklärter.  Die Liebe zum Hund war aber meines Erachtens damals ausgeprägter und wichtiger.  Der Ehrgeiz, der sich in den letzten Jahren zeigt, ist für mich im Zuchtschaubereich und im Rennbetrieb manchmal erschreckend

Was ist zur Entwicklung in der Zucht zu sagen?
Tja, da ist einerseits natürlich die große Schere zwischen Schönheit und Leistung.  Das war früher nicht so, weil, wie gesagt, der Ehrgeiz auch nicht so ausgeprägt war, und z.B. Afghanen auch Afghanen-Zeiten liefen.  Günther Schultze hat einmal gesagt: "Die Windhund-Rennbahn ist der herrlichste Ersatz, den wir unseren Hunden bieten können" - Und der sollte nach meiner Ansicht immer dazu da sein, um den Hetztrieb zu erhalten, den ich persönlich auch für sehr wichtig erachte.
Aber wenn wir mit Leistung Schnelligkeit gleichsetzen - und wir sehen das bei Greyhounds, aber auch bei den Afghanen, welche unübersehbare Kluft da mittlerweile besteht, dann kann irgend etwas nicht richtig sein.  Und zwar weder zu der einen noch zu der anderen Seite.  Leistung kann nicht Schnelligkeit bedeuten, andererseits ist das Unverständnis meist auch sehr groß, wenn Hunde, die leistungsmäßig aufgrund von Schnelligkeit beim Bahnrennen immer vorne sind, im Ring abgewertet werden. - Und das aber aufgrund der Tatsache, weil sie ja nicht mehr die anatomischen Voraussetzungen haben für die Arbeit, die sie einmal leisten mußten: Es war doch keines Windhundes Arbeit, irgendwann einmal 480 Meter auf möglichst ebener Fläche, Gras oder Sand, links herum im Kreis zu laufen.  Alle Windhundrassen sind von der Anatomie her doch ursprünglich gebaut für die Jagd - und nicht für die Rennbahn.  Und diesen ganz grundlegenden Ansatz in der Windhundzucht vergessen viele in Deutschland und reagieren dann mit sehr viel Unverständnis, daß man als Zuchtrichter einem Hund, der auf 480 Meter mit einer extrem schnellen Zeit vorne liegt, bescheinigen muß, daß er vielleicht in vielen Details gar nicht mehr dem Standard so entspricht
Bei so mancher Rasse fällt bei der Zuchtschau andererseits auf, daß ein ganz wichtiger Grundsatz in den Hintergrund zu treten scheint: Die Schönheit sollte aus der Funktionalität heraus geboren sein.  Immer schmalere Köpfe, und immer längere Hälse und immer extremere Winkelungen sind nicht unbedingt rassetypisch.  Und wenn es nur noch um Extreme geht, dann ist auch wieder irgendwo 'was falsch’

1995 in Kentucky      (Foto: A. Genuine Cook/USA)


Skokoster 
Welches waren die Ausstellungen auf nationaler und internationaler Ebene, die Sie als Zuchtrichter oder auch Besucher bisher am stärksten beeindruckt haben?
Also das Größte, was ich persönlich erleben durfte, war die Saluki-Specialty in Kentucky... Ich habe dort an 3 Tagen insgesamt 467 verschiedene Salukis gerichtet; freitags Rüden, samstags Hündinnen und als Höhepunkt die Best of Breed-Competition am Sonntag, eine Art Championklasse bestehend aus Hunden, die alle schon einmal BOB geworden sind.  Bei diesem Wettbewerb standen 167 Salukis im Ring, die alle Champion waren, außen die Rüden und innen die Hündinnen Das war sagenhaft !
Stark beeindruckt hat mich hier nicht nur, daß zusammen mit den gezeigten Salukis an dieser Veranstaltung auch arabische Pferde ausgestellt wurden, sondern die Art, wie jeder einzelne Hund bejubelt und gefeiert wurde. Selbst die Veteranen wurden stürmisch bejubelt und beklatscht; es war ein Getöse... Jeder Hund kam einzeln in den Ring, lief unter großem Applaus eine Runde, dann kam der nächste.  Es gab kein eisiges Schweigen, es gab keine Pfiffe.  Die Hunde wurden gefeiert und man hatte wirklich das Gefühl, es war eine große Familie, die einfach da war, um ihre Hunde zu präsentieren!
In bester Erinnerung sind mir natürlich auch Großveranstaltungen in Skandinavien sowie die größte Windhund-Show Europas: "Skokloster",die ich auch sehr beeindruckend fand.  Das waren so die Highlights
Ansonsten ist jede Verbandssieger Ausstellung des DWZRV für mich, natürlich hoch interessant, weil dort Hunde aus DWZRV-Zucht zu sehen sind, und das regelmäßig bei einer Meldezahl um die 500 Hunde.  Für mich eine Veranstaltung, die absolut Pflicht ist - jedes Jahr, denn hier sieht man den Stand der Windhundzucht des DWZRV.

In welchen Ländern war bisher schon Ihr Urteil als Spezialzuchtrichterin gefragt?
Windhunde habe ich bisher schon in allen skandinavischen Ländern gerichtet, besonders in Erinnerung ist mir hierbei die Weihnachtsausstellung in Helsinki.  Das ist "irre“!  Mit Flutlicht, mit Spot an und Licht aus, einer phantastischen Ringsprecherin, die wirklich Modelmaße hatte, mit langen blonden Haaren Jeder Hund kam einzeln in den dunklen Show-Ring, und dann ging der Spot an, und man sah den Hund im Scheinwerferlicht eine Runde laufen. - Das war "Show", wie ich sie beim Best in Show auch wirklich gerne mag!
Neben den ganzen skandinavischen Ländern habe ich auch in den Beneluxländern, Luxemburg, Belgien und Holland gerichtet, wie bereits schon erwähnt in den Vereinigten Staaten und auch in England.  Mein größtes Erlebnis als Zuchtrichter war aber zweifellos die Best of Breed Competition der Saluki-Specialty in Kentucky...


Was ist zur Bewertung des derzeitigen Zuchtpotentials zu sagen und zum bereits angeklungenen Thema Inflation der Champions in Deutschland..? Was sind mögliche Auswege aus dieser nachteiligen Entwicklung?
lch habe ja schon bereits zweimal den Antrag an die JHV gestellt, daß man für das "Deutsche Championat" zumindestens ein CAC auf einer Titelausstellung gewinnen sollte, sei es nun auf der Bundessieger-, Verbandssieger-, Europasieger- oder aber auch auf einer der Landessieger-Ausstellungen.  Ein Hund hätte dann genügend Chancen im Jahr, das CAC auf einer dieser Ausstellungen zu gewinnen. - Das müßte doch wirklich machbar sein, wenn man vergleichsweise Frankreich oder Belgien sieht, wo ja eine ganz gewisse Ausstellung gewonnen werden muß um überhaupt das Championat zu bekommen.  Das halte ich für sehr wichtig...

Gibt es also zu viele „nicht unbedingt würdige" Champions?
Ich würde es vielleicht nicht so hart ausdrücken.  Mir fallen bei diesem Thema immer die Worte meines damaligen "Richtervaters", Herrn Nause, ein. - Das war noch zu Zeiten meiner Ausbildung zum Windhundrichter, aber trotzdem ist Herr Nause heute noch jemand, an den ich sehr oft denken muß - und der auch sehr oft noch imaginär neben mir im Ring steht, wenn ich richte. - Und er hat immer zu mir gesagt, daß zu strenges, wie auch zu mildes Richten der Zucht schadet.
Nun ist aber nicht jeder so "knallhart": wenn man z.B, Hunde im Ring hat, denen man ein "V" geben kann, dann kriegt man es vielleicht nicht unbedingt fertig, zu sagen: "Ich vergebe das CAC nicht...... Das kann man immer machen in einer harten Konkurrenz- aber wenn nun einmal wenig Konkurrenz da ist - mein Gott, dann ist man vielleicht eher dazu geneigt, dem Hund das CAC zu geben.  Das ist eine menschliche Schwäche, aber ich finde eine sehr positive menschliche Schwäche. - Ich mag Menschen eigentlich gerne, die Schwächen haben

Was würden Sie als langjährige Richterin unseren Lesern mit auf den Weg geben wollen?
Naja, ich würde vielleicht zwei Ratschläge geben: Einen an meine Richter-Kollegen, den sie wohl schon alle von mir kennen werden: daß sie nämlich immer mit sehr gutem Beispiel vorangehen sollten, denn alle Funktionäre sind für die Mitglieder da - und nicht umgekehrt.  Und wenn Aussteller mal etwas nicht verstehen oder sich ungerecht behandelt fühlen, warum sollte man sich nicht, wenn die Problematik "vernünftig" an einen herangetragen wird, mit dem Aussteller zusammen setzen und ihm versuchen zu erklären, warum man den Hund so bewertet hat... - Ich weiß, daß wir dazu nicht verpflichtet sind, und natürlich ist ein Richterurteil unanfechtbar. - Aber schaden kann es doch nicht, sich mit dem Aussteller darüber zu unterhalten.  Wir haben doch keinen Grund, überheblich zu sein.  Dies ist auch der Grund freundlich mit Hunden und Ausstellern umzugehen.
Andererseits möchte ich den Ausstellern auch sagen: "Sie können sich allmählich etwas mehr bemühen, ihre Hunde durch Ringtraining oder ähnliches besser vorzuführen." Manch ein Hund wird vielleicht schlechter beurteilt, als er ist, weil er nur im Ring herum springt oder die Zähne nicht zeigen will, oder seine Konkurrenten aus dem Wege räumen möchte.  Bei der Präsentation des Hundes im Ausstellungsring sollte alles ein "hübsches" Gesamtbild ergeben.  Viele Aussteller müssen noch lernen das Tempo zu laufen, bei dem auch ihr Hund optimal traben kann.  Wenn der Vorführer trippelt oder sprintet, was soll der Hund dann tun?  Er kann sich nur anpassen.  Vielleicht sollten die Vereine Ringtraining unter Anleitung von Kennern anbieten.  Ich weiß, daß dies in einigen Clubs bereits geschieht, - und vielfach auch sehr dankbar angenommen wird.  Es mag an dieser Stelle vielleicht etwas überzogen sein, aber gerade weil ich auch international richte, fällt mir zum Thema Handling und "ansprechendes Gesamtbild" für unsere deutschen Aussteller noch etwas ein: Vorführen im Jogging-Anzug - muß das eigentlich sein..?

Können Sie uns etwas über die
Richterausbildung aus der Vergangenheit erzählen, aus der Zeit Ihrer eigenen Ausbildung zum Spezialrichter für Windhunde und über Ihren " Richtervater"?
Als ich meine Richterausbildung nach zweitem Anlauf begann, hatten wir andere Prüfungsverfahren, wurden nur mündlich/praktisch geprüft, und der damalige Richtervertrauensmann war Hermann Zimmerle, noch allseits bekannt...
Meine erste Bewerbung wurde übrigens abgelehnt, weil ich geschieden war- dies gehörte nicht zu einem untadeligen Lebenslauf, (Richtervertrauensmann war in dieser Zeit Herr Walter Opitz).
Bei meiner Richterprüfung für Salukis kann ich mich noch erinnern, auf eine fehlerhafte Übersetzung des Standards hingewiesen zu haben.  Die deutsche Fassung sagte aus: "Rute hängend getragen".  Das stand aber überhaupt nicht im Original-Standard!  Mein Einwand wurde akzeptiert, man hat sich angehört, was ich zu sagen hatte.  Zumal ja zur damaligen Zeit nicht jeder den Standard unbedingt im Original gelesen hatte, denn damals sprachen noch nicht so viele Englisch.  Diese offene Haltung des Prüfungsgremiums fand ich gut.
Andererseits wurde ich aber auch in einer Richterprüfung von dem damaligen Richtervertrauensmann gefragt: "Was ist Ritterlichkeit beim Hund?". Die Antwort sollte sein: wenn der Rüde die Hündin nicht beißt. Wir haben hinterher noch sehr oft darüber gelacht, natürlich auch zusammen mit dem Richtervertrauensmann, Herrn Zimmerle.
Unsere Mitglieder waren zum Teil damals vielleicht sehr impulsiv, aber sie scheuten sich auch nicht, einfach etwas zu sagen, ohne gleich Angst haben zu müssen, vor den Kadi gezerrt zu werden.  Heute rennt jeder gleich zum Rechtsanwalt, anstatt sich abends einmal an den Tisch zu setzen und darüber zu reden.
Man musste nicht dauernd davor Angst haben, etwas falsch zu machen - und man konnte durchaus auch mal eine eigene Meinung vertreten, worauf ich heute noch viel Wert lege, gerade bei der Richterausbildung.  Ob eine Anwartschaft anerkannt wurde oder nicht entschied damals der amtierende Richter.  Das musste aufgrund der VDH-Rahmenordnung geändert werden, was ich auch sehr begrüßt habe.  Denn nur das Prüfungsgremium kann beurteilen, ob dieser Hund von dem Anwärter schon ein anderes Mal gerichtet worden ist.  Vielleicht gab es in der Vergangenheit den einen oder anderen Richteranwärter, der sich zu eng an die Meinung des amtierenden Richters angelehnt hat.  So konnten Werturteile für ein und denselben Hund zusammentreffen von "V1/CAC" bis zum nächsten Wochenende "nicht genügend".  Das sieht man nur, wenn man im Prüfungsgremium sitzt.  Der einzelne Richter, der an dem Tag richtet, kann das nicht beurteilen.  Diese Änderung war also schon sehr sinnvoll.
Damals war es noch Pflicht, einen "Richtervater" oder eine "Richtermutter" zu benennenDas war eigentlich auch eine sehr schöne Sache, weil man immer mit seinen Sorgen und Kümmernissen oder mit den Richterberichten, wenn man nicht ganz sicher war, um Rat nachfragen konnte.  Heute ist das freigestellt.
Ich habe sehr viel von meinem damaligen Richtervater, Herrn Nause, lernen können.  Wie sagte er doch immer: "Egal ob Freund oder Feind, es muß immer der Hund gewinnen!".  Ich weiß, daß manche das belächeln, weil es oftmals aussieht, als wenn es nicht so wäre - aber das oft gehörte Vorurteil, daß man ja auch nun gerne Züchter und Richterkollegen gewinnen läßt, kann in dieser Form nicht aufrecht erhalten werden.  Unsere Züchter wären doch unfähig, wenn sie aus einem Wurf nicht den besten Hund behalten würden.  Was wäre das für ein Armutszeugnis!  Das ist der Grund, daß diese Hunde auch sehr oft vorne stehen.  Wenn ein langjähriger Züchter nicht in der Lage ist, eine Auswahl zu treffen und den "pick of the litter" zu machen, dann ist er auch kein guter Züchter, der nicht "selektieren" kann.
Die Aussteller, die immer davon reden, daß das obere Ende der Leine vorne steht, sollen doch einmal vorbehaltlos das untere Ende, nämlich den Hund, betrachten; könnte es nicht sein, daß ein erfahrener Züchter oder Richter tatsächlich den besten Hund zeigt?
Warum sind Sie Richtervertrauensfrau im DWZRV geworden?
Ich wußte, daß Ilse Schultze nicht mehr kandidieren wollte und es war eine Arbeit, die mich sehr interessiert hat.  Ich wollte etwas verändern und auch gute Richter ausbilden.
Ich bin dieses Jahr neun Jahre im Amt, im nächsten Jahr haben wir Neuwahlen.  Im Nachhinein muß ich aber fast sagen, mit dieser Motivation, es besser zu machen, gescheitert zu sein; und zwar aus zweierlei Gründen:
Zum einen kam die ganze Umstrukturierung.  Wir haben die Genehmigung für die Abnahmeprüfung der Zuchtrichter damals durch den VDH entzogen bekommen, weil die VDH-Rahmenordnung bei uns noch nicht umgesetzt war.  Bis dahin hatten wir ein eigenes Prüfungsverfahren.  Drei Richteranwärter, mit der Ausbildung fast fertig, konnten ihre Ausbildung nicht zu Ende bringen, da die lt, VDH-Rahmenordnung erforderlichen Bedingungen nicht erfüllt waren.  Es war eine schwere Zeit.  Nun mußten wir uns an diese Ordnungen halten und meine Ideen, die Ausbildung zu verändern, konnte ich begraben oder zusätzlich verlangen, bei der ohnehin schon sehr umfangreichen Prüfung aber nicht durchführbar.
Anfangs habe ich auch noch gedacht, mit sehr guten Ausbildungsverfahren könnte man vielleicht auch gute Richter bekommen, womit ich nicht sagen will, daß wir keine guten haben.  Ich weiß gerade aus anderen Ländern, daß wir zum einen zwar als "ZahnPäpste" bekannt sind, daß aber zum anderen eigentlich viele Richter aus dem DWZRV auch sehr geschätzt werden.
Zum zweiten habe ich folgendes erkannt: Wir können noch so gute Richteranwärter haben, die herausragend die Theorie beherrschen, und wir können ihnen ein noch so gutes Gerüst mit auf den Weg geben sowie Kenntnisse in Anatomie, Statik und Dynamik vermitteln, aber eines kann man definitiv nicht lernen und das ist: "das Auge für einen Hund zu haben".  Genau das haben meistens sehr kreative Menschen, wie ich in der Vergangenheit feststellen konnte.  Natürlich muß man immer "sein Auge schulen", muß an sich arbeiten und muß stets zusehen, daß man immer wieder hinzulernt und sich auch mit der Materie beschäftigt.  Aber es wird immer "eine Gabe" bleiben, einen Hund beurteilen zu können.

So finde ich es sehr bedauerlich, daß diese Gabe der eine oder andere meiner Meinung nach hat, aber aufgrund der Vorbedingungen, die uns nun auch einmal die VDH-Rahmenordnung vorschreibt, dieses Amt nicht ausüben darf.  Wenn ich mit anderen Interessierten als Zuschauer am Ausstellungsring stehe, und das können manchmal ganz "einfache" Leute sein, sehen manche sofort auf Anhieb, was an einem bestimmten Hund besonders auffällig ist.  Sie können es vielleicht gar nicht begründen, aber sie sehen es.  Und wir halten auf Richtertagungen Vorträge und zeigen Dias, machen auf einen Fehler in irgendeiner Rasse aufmerksam, schreiben phantastische Abhandlungen - und die Hunde laufen mit diesem Fehler durch den Ring, aber es wird vom Richter nicht gesehen.

Gibt es aus Ihrer Sicht nach jahrzehntelanger Laufbahn in der deutschen und internationalen Windhundszene und jetzt schon 20-jähriger Tätigkeit als Zuchtrichterin im DWZRV - innerhalb unseres Verbandes Entwicklungen, die sich in Zukunft nachteilig auswirken könnten?
Nach genauer Überlegung fiele mir auf diese Frage das "Schönheits- und Leistungsprinzip" ein, das meines Erachtens leider in eine völlig falsche Richtung gegangen ist.
Es gibt ja jetzt schon wieder Stimmen, die sich über die sog.  Gebrauchshundeklasse, speziell bei einigen Rassen, lustig machen.  Ein einziger Jammer, daß sich dieses "Leistungsdenken" nur auf Schnelligkeit bezieht.  Es gibt Hunde, die mittlerweile mit der Rasse wirklich nichts , aber auch gar nichts mehr gemein haben.  Die Entwicklung ist in diese Richtung gegangen, viele haben davor gewarnt.
Es ist unverständlich, daß die FCI eine Einheitsregelung für das Rennen übernommen hat, diese an die Länder-Dachverbände weiterleitet, aber nicht dafür sorgt, daß auch die Rasse am Start ist, die es sein soll.  Wie schon gesagt, wir haben einen Standard für die Rasse, und jeder Standard orientierte sich bei seiner Erstellung in erster Linie an der Funktionalität der Hunde.  Es muß kein schöner Hund sein, aber er sollte standardgerecht sein! Bei den Afghanen ist es zum Teil schon so, daß man die Rasse nicht mehr erkennen kann.  Bei den Greyhounds gibt es vielleicht nicht so schöne Exemplare auf der Rennbahn, oder gelinde gesagt, häßliche Greyhounds, es sind aber Greyhounds!
Ich weiß nicht, warum dann "Schönheit und Leistung" in unserem Verband so hoch gehalten wird, wenn die Hunde diese Preise eigentlich gar nicht mehr bekommen können, weder zur einen, noch zur anderen Seite. ich denke, daß dies ein falscher Weg ist.
Mit dem Coursing haben wir einen gangbaren Weg gefunden, wie gesagt, von den "Rennleuten" belacht, weil sie von der Entstehungs- und Entwicklungsgeschichte der Rasse oftmals gar keine Ahnung haben.  Ich möchte hier aus meiner jahrzehntelangen Erfahrung mit Afghanen sprechen.
Meine Hunde kann ich während unseres Urlaubs in Dänemark beim Laufen in der Steilküste immer gut beobachten.  Auf der Rennbahn sind sie wirklich langsam, wenn ich sie dann aber sehe, wie sie die 40 oder 50 Meter hohe Steilküste ganz schnell oben und genauso schnell wieder unten sind, und das trittsicher, bin ich von der Leistungsfähigkeit überzeugt.  Wir treffen dort übrigens oft auch andere Windhundleute, auch Rennleute mit Afghanen aus ganz renommierten Rennhund-Zwingern, man wird es nicht glauben: Aber diese Hunde sind nicht so schnell oben.
Natürlich können wir keine Steilküste auf den Hundeplatz stellen, das geht nicht.  Letztendlich geht es doch um den Hetztrieb und darum, daß die Hunde beweisen, überhaupt artgerecht laufen zu können und das können sie beim Coursing sehr gut.
In diesem Zusammenhang empfehle ich, einmal den Artikel von Frau Quaritsch-Fricke im letzten DWZRV-Zuchtbuch mit dem Thema "Warum ein Afghane, der standardgerecht gebaut ist, fürs Coursing mehr geeignet ist, als für die Rennbahn" nachzuschlagen.
Auf der anderen Seite ist es auch schon so, daß man mit Hunden, die durchaus noch in der Lage sind, sich rassetypisch zu bewegen, auf Ausstellungen manchmal kaum noch Chancen hat, zu gewinnen.  Wie ich kürzlich in der Schweiz gehört habe, sei ein Afghanen-Rüde unter 76 cm zu "klein" (Standard: 68,5-73,5).  Dann sage ich mir: Sollen die Leute doch einfach mal alte Zuchtbücher in die Hand nehmen oder alte Literatur und sollen doch einfach nachlesen, ehe man einfach "dummes Zeug" verbreitet.  Der persönliche Geschmack soll doch nicht den Standard aushebeln.
Ich wollte nie Hunde haben, die einfach nur schön sind - sie sollten immer typisch sein und standardgerecht.  Jede Veränderung des Standards bringt für die Rasse nur Verschlechterung.  Wir sehen das in letzter Zeit bei einigen Rassen.  Da kann ich nur die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und denken: "Wer sitzt da und verändert die Standards auf diese unglaubliche Art und Weise?"
Darüber hinaus muß ich auch sagen: Wir sollten nicht unbedingt das Wesen oder das Temperament unserer Windhunde verändern, wir sollten unsere Rasse nicht verändern, vielmehr sollten wir sie erhalten.  Sie sind doch ein "uraltes Erbe" wie kaum eine andere Hunderasse.
Azawakhs haben manchmal schon ein Gangwerk wie Salukis, die Salukis laufen manchmal wie die Afghanen und die Afghanen haben ein "Traber-Gangwerk" mit weit ausgreifenden Schritten aber ganz flach am Boden.
Jeder hat seinen Hund gerne - hoffe ich jedenfalls, auch wenn ich von einigen weiß, daß sie ihre Hunde nicht gut behandeln, und u.U. machen sich Ausstellungsleute über die Rennleute lustig und umgekehrt auch.  Wenn mir aber jemand sagt: Die armen Show Dogs, die liegen nur im Käfig..." - ich habe aus einem ganz renommierten Rennzwinger für Afghanen gehört, daß diese untereinander auch nicht spielen dürfen.  Aber nicht weil sie sich deshalb die Haare abbrechen oder die langen Ohren leiden, sondern einfach damit sie in der Jugend das Raufen nicht lernen.  Denn kleine Welpen oder junge Hunde, die miteinander spielen, beißen sich halt mal gegenseitig in den Nacken.  Das ist eben der Punkt: Wenn der Ehrgeiz in die eine oder andere Richtung zu groß wird, dann geht die Liebe zum Hund baden !
Aus meiner Sicht wichtig ist, die Funktionalität, und zwar die rassetypische Funktionalität des Hundes, nicht zu verändern.  Immer schauen, wo kommt der Hund her, und wäre er noch in der Lage, mich zu ernähren, würde ich mit ihm in dem Gebiet "sitzen", wo er herkommt.
So gerne ich gutes Handling habe und so viel einfacher gutes Handling auch das Richten macht, aber liebe Güte, dürfen Hunde nicht mal nach fünf Minuten den einen Fuß bewegen, sie sind doch keine Statuen!
Und auch da hilft uns der Standard wieder: Ein Saluki ist zurückhaltend.  Warum gibt es manche Richter, die dann diesen Hund als ängstlich abqualifizieren?  Der Azawakh ist so jung zu uns gekommen, muß man ihn dann "betatschen" wie einen Rottweiler? - Nein!  Der Afghane sollte stolz sein, unnahbar.  Wer hat sich mit dem Begriff "Keen fierceness" im Afghanen-Standard einmal auseinandergesetzt?  Paßt das noch zu goldenen Mützen in der Ausstellungshalle, oder dem mechanischen Gangwerk?
Zum Schluß: Antoine de Saint Exupéry schrieb: "Wenn Du ein Schiff bauen willst, dann trommle nicht Leute zusammen und vergib Aufgaben, sondern lehre die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer".
Genauso sehe ich das auch beim Züchten oder Richten.  Wer die Liebe zur Natur und damit auch zum Hund allgemein nicht hat, damit meine ich auch das Verständnis für seine Eigenarten, die er Jahrhunderte lang brauchte, um für seine Menschen nützlich zu sein, aber auch um ihnen Freude zu bereiten, wen ein Welpe mit seiner Tollpatschigkeit oder ein altes Hundegesicht nicht anrührt, wer Paarungen nur mit dem Computer zusammenstellt, wer Hunde nur noch vermessen will, wem das Wissen um ein lebendes Wesen also wichtiger ist, als die Ehrfurcht vor diesem Wesen aus Fleisch und Blut, wird nie ein guter Züchter oder Richter.

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